Die Grande Dame des Skisports spricht im KURIER-Interview über Demut, Motivation und die Beinpresse.
Dieser Weg hinauf zum Bauernhof ist nichts für Flachländer und deren tiefergelegte Flitzer. Es ist nicht irgendein Weg. Er heißt Renate-Götschl, wie die berühmteste Obdacherin. Die Ortschaft ist stolz auf ihre größte Tochter, die wiederum ist glücklich, noch immer hier zu leben.
Renate Götschl ist trotz aller Erfolge bodenständig geblieben. Musik eines Regionalradiosenders begleitet das Gespräch. Der Hund liegt, lauscht artig, während draußen auf der Wiese zwei junge Pferde herumtollen. Den Weltcupauftakt in Sölden hat die 32-jährige Steirerin Renate Götschl ausgelassen. Ihr 17. Rennjahr beginnt die Grande Dame Anfang Dezember in Lake Louise.
KURIER: Du bist die letzte Große deiner Generation. Was ist das für ein Gefühl?
Renate Götschl: Ich gehe schmerz- und verletzungsfrei in die Saison. Das ist ein gutes Gefühl.
Was sagt dir dein Gefühl sonst noch?
Ich kann nun besser meinen Körper verstehen. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich habe auch keinen Trainingsplan mehr. Wenn man so wie ich mit den Knien Probleme hatte, muss man ohnehin gut aufpassen, daher bastele ich mir mein Training selber.
Du warst oft verletzt. Hast du bleibende Schäden?
Zum Glück nicht. Ich bin dem Professor Schenk dankbar. Die letzte Therapie war auch eine fürs weitere Leben. Ich will ja auch nach der Karriere normal gehen können und Sport betreiben. So wie dem Marc Girardelli, der im Bett Gymnastik machen muss, damit er aufstehen kann, geht’s mir zum Glück nicht.
Gab es Situationen, wo du mit dem Karriereende spekuliert hast?
Letztes Jahr, nach der Verletzung, die ich mir in Tarvis zugezogen hab’, da war ich fast so weit, aufzuhören. Es gab auch einmal eine Phase, da bin ich mit einem Trainer nicht zurande gekommen – da hab’ ich gesagt: ‚Jetzt pfeif ich drauf, das hab’ ich nicht notwendig.‘ Aber ich hab’ auch das überlebt.
Du wirkst gelassen. Das war nicht immer so ...
Nach Ausfällen war ich früher oft schwer genießbar. Da wollt ich am liebsten nur weg und mit niemandem reden. Jetzt mit 32 erlebe ich alles bewusster, jetzt weiß ich mehr zu schätzen, was ich alles erleben durfte und darf. Es ist eine gewisse Art von Demut. Und du wirst geduldiger. Das ist wichtig: Denn wenn du lange nichts machen kannst, wirst du narrisch.
Macht die viele Schinderei überhaupt noch Spaß?
Absolut. Vor allem das Krafttraining. Bei der Beinpresse schaffe ich 260 Kilo. Mit dem Ausdauertraining habe ich es weniger.
Ehrgeiz und Leidenschaft sind also auch nach 16 Jahren noch ungebrochen?
Absolut. Wenn ich nicht 100 Prozent geben kann, dann höre ich lieber auf. Ein Zurückziehen gibt es bei mir nicht. Das einzig Mühsame ist das ewige Ein- und Auspacken. Ansonsten macht der ganze Zirkus noch jede Menge Spaß.
Die Amerikanerin Lindsay Vonn erinnert ein wenig an die junge Götschl.
Das würde ich nicht so sagen – aber sie hat eine ähnliche Mentalität wie ich. Ich habe nie Blockaden gehabt. Sie hat das Problem offenbar auch nicht. Je schlechter die Sicht, desto besser ist sie – wie ich. Ich habe auch nie psychologische Betreuung gebraucht. Ich mache seit 14 Jahren Qi Gong, das ist gut für mich.
Was hat sich in all den Jahren im Skisport geändert?
Fast alles. Vor allem das Material. Früher bin ich mit 1,93er-Latten Slalom gefahren, heute sind sie 1,65. Früher waren dafür die Pisten viel besser. 140 km/h auf blankem Eis, viele Sprünge. Heute gibt es zu viele Autobahnen. Das ist langweilig. Wir brauchen neue Pisten. Klassiker wie bei den Herren. Das tut dem Sport gut. Auch für die Zuschauer müssen die Pisten viel besser einsehbar sein.
Hattest du jemals Angst vor einem Start?
Viele Läuferinnen von heute würden sich bei einer Piste wie Bormio gar nicht runtertrauen. Dort hab’ auch ich mich zum einzigen Mal gefragt, warum ich das eigentlich mach’. Dann hab’ ich mich voll runter g’haut.
Bei Interviews mit ÖSV-Athleten hat man den Eindruck, als kämen immer die selben Antworten. Sind kritische Stimmen nicht erwünscht?
Vielleicht haben manche nicht mehr zu sagen (lacht). Aber nein, es gibt keine Sprachregelung. Jeder darf sagen, was er will. Ich nehme mir kein Blatt vor den Mund: Was gesagt werden muss, das muss gesagt werden.
Häufig sieht man Ski-Damen aus unterschiedlichsten Gründen weinen. Muss auch das sein?
Frauen weinen in vielen Situationen. Egal ob sie gewinnen oder verlieren. Aber auch Männer weinen manchmal. Und haben außerdem eigene Macken.
Siehst du dich dank deiner Erfolge und deiner Persönlichkeit als Leithammel?
Sicher nicht. Wir sind alle Individuen. Ich kann auch von den Jungen lernen. Wie sie mit gewissen Situationen umgehen. Sie haben eine andere Denkweise. Das hält auch mich jung.
Du hast wohl die Olympischen Spiele in Peking verfolgt. Was bzw. wer hat dich am meisten beeindruckt?
Die Sprints von Usain Bolt, der Schwimmer Phelps. Aber auch die österreichischen Medaillengewinner. Und natürlich der Gewichtheber Matthias Steiner. Der war eine Sensation. Beeindruckend, wie der sein Schicksal meistert.
Haben all die Ereignisse dir Lust auf die Winterspiele 2010 in Vancouver gemacht?
Ihr wollt’s mir da jetzt was rauslocken (lacht), aber das klappt nicht. Ich denke nur von Jahr zu Jahr. Richtig festgelegt habe ich mich nie. Ich weiß nur eines: eine Abschiedstour wird es von mir nicht geben. Wenn ich aufhöre, höre ich auf. Das sag’ ich nicht zu Saisonbeginn, sondern nach meinem letzten Rennen.